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Der Wiederholungskünstler

 
    von Christoph Schreiner, 18. Februar 2017  
       
   
 
     
 
 
    bigMusic  
       
   

Saarbrücken. In loser Folge besuchen wir saarländische Künstler in ihren Ateliers: Alwin Alles, seine Hör-Happenings und M's

Eine Dachwohnung mit Blick auf den Landwehrplatz. Parkett, Platz. Ein Single-Haushalt. Die Zimmer, eins davon ein reines Requisiten-Depot, geschmackvoll eingerichtet. Im Flur ein vom Vater gebauter, doppeltüriger Wandschrank, unter dem in Reih und Glied mehrere Paar Schuhe stehen. Ob es auf der Welt einen zweiten Schrank wie diesen gibt? Einen, in dem mehr als 21 Jahre, Tag für Tag akkurat gestapelt, aufbewahrt sind? Fast 8000 kleinformatige Büttenblätter. Seit 1995 kommt jeden Tag ein M hinzu. Ein M?

Seine M's sind das langlebigste Projekt des monomanischen Saarbrücker Künstlers Alwin Alles. An diesem Samstag wird er sein 7781. McDonald's-M malen. Was bringt einen dazu, seit 21 Jahren jeden Tag mit den gleichen Aquarellfarben auf dem gleichen Papier in immer neuen Variationen ein und dasselbe McDonald's-Zeichen zu malen? Letzteres, weil er ein universelles Zeichen wollte, so umstritten es ist. „Der Wiederholungsexzess war schon in meiner Kindheit da“, sagt er. Schon damals konnte er stundenlang dieselbe Single hören. Woraus 1999 sein zweites, nein: drittes Kunstprojekt "big music" entstand.

Aber der Reihe nach. Die M's waren die Initialzündung seiner Konzeptkunst. Als er anfing, hatte er sich nach einer ersten, eher epigonalen Malereiphase à la Paul Klee überlegt, "was ein Künstler grundsätzlich nicht macht, nicht machen darf". Die Antwort, die Alles sich gab: permanente Wiederholung. Weshalb er sie zu seinem künstlerischen Prinzip machte. Originalität ex negativo. Weil er "nicht nachäffen" wollte, andererseits aber "in der Kunst alles schon mal da gewesen" sei. Aber auch hier bestätigt die Ausnahme nur die Regel, was natürlich auch Alwin Alles weiß: On Kawara (1933-2014) in seinen meditativen Datumsgemälden und Roman Opalka (1931-2011) in seinen fortlaufenden Zählbildern haben in ihrer Kunst das Vergehen von Zeit gleichermaßen zelebriert und aufgehoben. Aber doch von ihren Zahlen, wie Alles einwendet, "immer wieder Urlaub gemacht". Anders als er. Alles' M-Monomanie kennt keine Pause. "Ich würde nie schummeln", sagt er. Etwa ein Bild rückdatieren, wenn er vergessen hätte, es zu malen. Was in seinem Fall sowieso ausgeschlossen ist, wo Pedanterie auf Obsessivität trifft und in einer Datenbank die Nummer des Bildes sowie Tag und Ort seiner Herstellung abrufbar ist.

Für Alles ist das Malen der M- und Euro-Zeichen – seit 1.1. 1999, als der Euro zum Buchgeld wurde, malt er täglich auch ein €-Zeichen, heute wird es Nummer 6624 sein – "wie Zähneputzen". Fester Bestandteil des Tages. Wobei der Tag, so viel Freiheit gewährt er sich immerhin, kalendarisch erst zuende ist, wenn er seine beiden Werke – als Einzelbildnisse für ihn "künstlerisch ohne Bedeutung" – absolviert hat. Ein einziges Mal kam er in all den Jahren wegen eines abrupten Krankenhausaufenthalts ins Strudeln, konnte die Katastrophe aber abwenden und seine beiden täglichen Symbole noch vor Tagesende im Hospital fertigen.

Die Kunst taktet das Leben des 57-Jährigen, der im Brotberuf bei einem Finanzdienstleistungsunternehmen Hüter von Daten & Zahlen (und von Haus aus Programmierer) ist, auch sonst. Genauer gesagt, seit er 1999 als drittes Langzeitprojekt „big music“ anfing. Alwin Alles' aufwendigstes, ambitioniertestes, für das er ein einzelnes Musikstück nonstop 33 Stunden und 33 Minuten lang hört. Ein Wahnsinn. Aber ein lebenslanges Herausheben eines Tages. Eine Tortur. Aber eine Spielsituation, die im Schlaf weitergeht. Eine Unterwerfung. Aber eine Permanenzerfahrung, die in den Alltag inte grierbar ist. Bislang hat er sie 916 Mal praktiziert. Zuhause oft über Boxen, unterwegs meist per Kopfhörer. Nur einmal, als er Madonnas 3:44 langes Stück "Music" umgerechnet 600 Mal hintereinander hören musste, fürchtete Alles, dass er es nicht schaffen würde.

Eigentlich aber hört er nur Songs, die er schätzt. Alleine im vergangenen Jahr setzte er sich 108 Hör-Marathons aus. Mal Jazz, mal Techno, Klassik, oft Pop. Kompositionen, die er in Form eines "Hör-Happenings" (Alles) in Endlosschleife verinnerlicht hat – 108 mal 33,5 Stunden in 2016 macht umgerechnet gut vier Monate. Die selbst auferlegten Regularien sind es, die "big music", das im Sinne des Wiederholungsfetischisten Alles loop haftes Song-Hören zur Kunst erklärt, so zeitintensiv machen.

Weil er mit seinen Selbstversuchen auch sein Altern protokollieren wollte, gehört ein Foto von sich während des Exzesses hinzu. Aber nicht irgendeines. Bald begann Alles damit, die jeweiligen Cover fotografisch nachzustellen. Was die Requisitenkammer in seiner Wohnung erklärt, wo er auf Flohmärkten gefundene Kleider hortet. Irgendwann verfiel er dann noch auf die Idee, die Fotos dort aufzunehmen, wo die Originale entstanden sind. Für Neil Youngs "After the goldrush" etwa begab er sich nach New York – an jene Straßenecke in Greenwich Village, wo noch heute der Metallzaun steht, an dem Neil Young vorbeilief. Oder er flog für Matthew Herberts 2:44 langes Stück "Singapore" eigens nach Südostasien.

Irgendwann hatte sich nämlich auch die Idee in ihm festgesetzt, nach Orten benannte Songs eben dort 33 Stunden und 33 Minuten lang durchs Ohr einzuatmen. Projekt und Umsetzung sind manisch. Man ahnt, wozu das führt. Zu durchgetakteten Urlaubsplanungen etwa. Weil er die nach Parks benannten Stücke einer Platte der deutschen Elektronik-Pioniere "Tangerine Dream" an Originalschauplätzen hören will, muss Alles im März nach Kyoto und Sydney. Er verbindet dabei das Angenehme mit dem Nützlichen. Das Reisen mit den sich selbstgemachten Projektauflagen. Wenn man so will, ist "big music" gelebter Freiheitszwang. Lustlast. Rollenspiel. Und eine Form von beflügelnder Selbstdisziplin.

Weil Alles kein Zwangscharakter ist, macht er natürlich auch Hör-Happenings im Saarland. Sogar die meisten. Im jeweiligen Setting, das Stück und/oder Cover aufgreift (Hör-Ort und Foto-Ort) und seine Song-Aneignung dokumentiert, gehe es nur "um Bezüge, nicht um exakte Wiederholung". Was nicht heißt, dass er sich nicht auch hier einzelne strenge Gelübde auferlegte. Etwa das, jedes Jahr am Todestag des Jazzmusikers Esbjörn Svensson am Meer bei Stockholm ein Stück von dessen Band E.S.T. zu hören – und zwar genau dort, wo Svensson am 14. Juni 2008 beim Tauchen starb.

Wie bei seinen M-Exerzitien ist auch bei Alles' ungleich komplexerer Hör-Happening-Konzeptkunst das einzelne Werk künstlerisch nicht bezwingend. Manches wirkt banal, effekthaschend, selbstdarstellerisch. Als Ganzes betrachtet aber sind alle drei Langzeit-Klausuren bezwingend. "Mir ist wichtig, dass es als Kunst gewürdigt wird. Sonst wäre das alles sinnlos", sagt er. Und dass er, wenn er das Geld dazu hätte, sicherstellen würde, dass nach seinem Tod ein Algorithmus "meine Bilder weitermalt". Ließen sich die M's und €'s dann doch ins Unendliche fortsetzen, wie es Alwin Alles' Kunstkonzept im Grunde eingeschrieben ist.

www.alwinalles.de


 
    Alles' am letzten Dienstag gemaltes McDonald's-M – es ist sein 7777.  
     
    m.7777 | 14.02.2017  
       
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